Tu´s Haltern

Interview mit Christoph Metzelder



Christoph Metzelder spricht über die Vereinsoffensive des TuS Haltern

aus der Zeitschrift "fussballtraining"; Ausgabe 01/2010

Frage: Der TuS Haltern benötigte vor etwas mehr als einem Jahr Unterstützung. Wie ist diese Problematik zu Ihnen nach Madrid gelangt, und wie hat sie sich für Sie dargestellt?

Christoph Metzelder: Ich hatte nie den Kontakt zum TuS Haltern verloren und auch schon zu meiner Dortmunder Zeit die Jugendabteilung mit Trikots und Trainingsanzügen unterstützt. Ende 2007 ging es dann um die Existenz des Vereins: Man kam mit der konkreten Bitte um finanzielle Unterstützung auf mich zu. Die habe ich zugesagt, unter der Bedingung, dass ich unter anderem einen kompletten Einblick in die finanziellen Vorgänge des Vereins bekomme. Dabei ist dann auch die Idee gereift, den TuS langfristig zu unterstützen und ein Pilotprojekt im deutschen Amateurfußball zu starten.

Frage: Sie bringen auch Know-how aus Ihrer Profikarriere ein. Wie haben sich der Fußball im Allgemeinen sowie die Anforderungen an die Vereine in den letzten Jahren verändert?

Metzelder: Man muss natürlich zwischen Profifußball und dem Amateurbereich unterscheiden. Sportliche und wirtschaftliche Erkenntnisse aus dem Spitzensport in den Breitensport zu übertragen, ist ein langwieriger und notwendiger Prozess, der aber die Beteiligten nicht überfordern darf. Insgesamt muss man feststellen, dass der Profifußball heutzutage eine Art Unterhaltungsindustrie geworden ist – das meine ich mit all seinen Chancen und Risiken. Das Herzstück des deutschen Fußballs sind aber die über sechs Millionen Amateurfußballer. Mit dem ‘Projekt TuS Haltern’ wollen wir den öffentlichen Fokus bewusst auf den Amateurbereich und die nachhaltige Jugendarbeit in Deutschland legen.

Frage: Welche Anforderung ist die wichtigste, wenn es um die Talentförderung in Amateurvereinen geht?

Metzelder: Wir sind im ersten Jahr des ‘Projektes TuS Haltern’ vier entscheidende Punkte angegangen, die zum einen unseren nachhaltigen Ansatz verdeutlichen und zum anderen die Ausbildungsqualität signifikant erhöhen sollen: Infrastruktur, Ausbildung, Ausrüstung und Marketing. Mit dem Neubau des Kunstrasenplatzes und der Renovierung eines weiteren Naturrasenplatzes können wir ganzjährigen Spiel- und Trainingsbetrieb auf optimalem Untergrund anbieten. Allen Mannschaften stehen jetzt neben einer einheitlichen Spiel- und Trainingsausrüstung die notwendigen Materialien wie altersgerechte Bälle und kippsichere Tore für eine vielfältige Trainingsgestaltung zur Verfügung. Ein weiterer, mir persönlich sehr wichtiger Punkt ist, dass in diesem Jahr die ersten Juniorentrainer ihre Trainer-C-Lizenz für den Juniorenbereich erworben haben. Ab 2011 werden die offiziellen FLVW- und DFB-Trainerlizenzen dann verpflichtend für ein Engagement als Juniorentrainer beim TuS Haltern sein. Alle Lizenz- und Fortbildungskosten werden dabei vom Verein getragen. So können wir für die Zukunft garantieren, dass innovatives und altersgerechtes Jugendtraining angeboten wird und sich talentierte Spieler und Trainer beim TuS Haltern weiterentwickeln können. Jugendflyer, Informationsbroschüren, Talenttage und die eigene Imagekampagne „TU’S Haltern“ flankieren das Projekt.

Frage: Wie und nach welchen Kriterien sucht der TuS Haltern seine Trainer aus? Welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften müssen sie haben?

Metzelder: Alle Trainer des TuS Haltern besitzen eine hohe Identifikation mit dem Verein und dem Projekt. Deswegen geht es erst mal darum, die jetzigen Trainer zu schulen und sie mit Hilfe der DFB-Lizenzstufen weiterzuentwickeln. Die starke Verwurzelung der Trainer in der Stadt bzw. der Region ist uns ebenfalls wichtig.

Frage: Was zeichnet gute Trainer, vor allem im Nachwuchsbereich, aus?

Metzelder: Da muss man sicherlich differenzieren. Wir haben zum Beispiel auch beim TuS Haltern die Zuständigkeiten im Jugendbereich unterteilt. Minis bis C- Jugend werden von einem eigenen sportlichen Leiter betreut. Die B- und A-Junioren gehören beim TuS dagegen zum Zuständigkeitsbereich des Sportlichen Leiters für unseren Leistungsbereich. Während bis zur C-Jugend vor allen Dingen das Spielen und der Spaß im Vordergrund stehen, geht es ab der B-Jugend darum, einen ‘Leistungsgedanken’ zu entwickeln. Demnach sollten die Trainer in den jüngeren Jahrgängen die Kinder spielerisch an den Fußballsport heranführen und vor allem ihre technischen und koordinativen Fähigkeiten schulen. Ab der B-Jugend geht es dann um individuelles und mannschaftstaktisches Training und die Verbesserung der technischen und physischen Voraussetzungen. Neben der sportlichen Ausbildung geht es vor allen Dingen aber auch um die Ansprache: Unsere Trainer müssen sich jederzeit ihrer sozialen Verantwortung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen bewusst sein und dies durch entsprechendes Handeln sichtbar machen.




Gibt die Richtung beim TuS Haltern vor: Christoph Metzelder

Frage: Welchen Anteil haben die Trainer am Erfolg der Mannschaft bzw. an der Entwicklung einzelner Spieler?

Metzelder: Gerade im Jugendbereich ist der Trainer für uns die wichtigste Person. Er ist nicht nur ‘Lehrer’, Ansprechpartner und Motivator, sondern auch Identifikationsfigur und Vorbild. Ein ‘guter’ Trainer schafft es, dass seine Spieler immer wieder gerne zum Training kommen, sich konzentrieren können und beim Spiel mit Spaß und dem nötigen Ehrgeiz bei der Sache sind. Das sind Grundvoraussetzungen, um ein Talent zu entwickeln.

Frage: Sie wollen mit einer guten Juniorenabteilung beim TuS Haltern den Unterbau für die Senioren stellen. Wie binden Sie junge Spieler in die Erste und Zweite Mannschaft ein?

Metzelder: In dieser Saison haben bereits vier ehemalige A-Juniorenspieler auf Anhieb den Sprung in den Kader der Ersten Mannschaft geschafft. Und wir haben mit Lukas Berkenkamp einen Torhüter, der eigentlich noch bei den A-Junioren spielen dürfte. Dadurch gehen wir den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Schon jetzt stellen wir die jüngste Mannschaft in der Bezirksliga 12, die sich größtenteils aus Halterner Eigengewächsen zusammensetzt. Und dies soll auch in Zukunft so bleiben.

Frage: Um den Übergang zu den Senioren bestmöglich vorzubereiten, streben Sie auch den Aufstieg der A- und B-Junioren in die nächsthöheren Klassen an. Wie lässt sich dies erreichen?

Metzelder: Über die bereits umgesetzten Änderungen können wir die Trainingsqualität, die Trainingsbeteiligung und die Motivation der Spieler erhöhen. Ob das reicht, um kurzfristig Erfolg zu haben, wissen wir nicht. Aber gerade die jüngeren Jahrgänge werden sich deutlich entwickeln und in den kommenden Jahren in den folgenden Altersklassen automatisch das Niveau anheben. Gleichzeitig stellen wir fest, dass immer mehr Kinder und Jugendliche zum TuS Haltern kommen wollen, da sie auf das Projekt aufmerksam geworden sind.

Frage: Und dann kommt ein Bundesligaverein aus der Region und schnappt Ihnen die besten Spieler weg... Ist es Ihrer Meinung nach erstrebenswert, aus einem kleinen Verein (frühzeitig) den Weg in ein Nachwuchsleistungszentrum zu wählen? Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Wechsel? Was sollen die Trainer des TuS Haltern ihren Spielern empfehlen?

Metzelder: Wir wissen, dass wir ein Ausbildungsverein sind. Und es ist gut und richtig, dass hochtalentierte Spieler irgendwann den nächsten Schritt gehen wollen. Auf der anderen Seite sollten die Nachwuchsleistungszentren aufhören, Kindern und ihren Eltern zu suggerieren, dass man von der E-Jugend bis zur Profimannschaft ‘durchmarschiert’. Ich habe immer einen Wechsel zur B-Jugend, heute vielleicht schon zur C-Jugend empfohlen, da dann wirklich der ‘Leistungsbereich’ anfängt. Je länger wir talentierten Spielern ein hochwertiges Training in ihrem vertrauten Umfeld anbieten können, umso besser!

Frage: Dann ist Ihre Meinung zum nächsten Thema wahrscheinlich klar: Immer mehr deutsche Nachwuchsspieler suchen ihr Glück im Ausland. Beispiel: Christopher Schorch vom 1. FC Köln wechselte aus dem Nachwuchsbereich von Hertha BSC Berlin zu Real Madrid. Können Sie einen solchen Schritt in der Karriereplanung nachvollziehen?

Metzelder: Nennen Sie mir einen deutschen Spieler, der frühzeitig diesen Weg gegangen ist und wirklich Erfolg hatte? Der Schritt ins Ausland ist schon als gestandener Profi kein Selbstläufer – und da weiß ich, wovon ich spreche! Auch hier geht mein Appell an die Vereine und die Eltern: Ein zu früher Wechsel in den ‘Leistungsbereich’ – und das ist Jugendfußball in einem deutschen oder ausländischen Leistungszentrum – kann Kinder überfordern und ihnen am Ende die Freude am Fußball nehmen. Wie viele Kinder werden schon bei den E- oder D-Junioren wieder ‘aussortiert’, kehren desillusioniert in ihre Heimatvereine zurück oder hören danach ganz mit dem Fußball auf!?

Frage: Was sagen Sie zu der Abwehrhaltung deutscher Leistungszentren, was diese Wechsel anbetrifft?

Metzelder: Am Ende bemühen sich auch die großen deutschen Klubs um ausländische Spieler. Wir werden das Rad im Fußball nicht zurückdrehen können. Jeder Verein und jedes Kind träumt davon, der nächste Messi oder Fàbregas zu werden, die in jungen Jahren auszogen und heute Weltklassespieler sind. Es geht jedoch immer darum, Kinder und Eltern davon zu überzeugen, dass man Wechsel nicht frühzeitig erzwingen muss! Ein hochtalentierter Spieler wird irgendwann zu einem großen Verein gehen. Das ist der Lauf der Dinge! Diesen Schritt jedoch im Hinblick auf Familie, Freunde und Schule gut zu planen ist die eigentliche Herausforderung!

Frage: Als Spieler bei Real Madrid kommen Sie auch mit spanischen Konzepten in Kontakt. Wo liegen die wesentlichen Unterschiede? Was können die Deutschen von den Spaniern in der Ausbildung junger Spieler lernen?

Metzelder: Leider besteht bei Real wenig Kontakt zwischen Profi- und Juniorenbereich. Grundsätzlich sind die spanischen Spieler fußballerisch besser ausgebildet. Nun könnte man eine soziologische Grundsatzdiskussion über das unterschiedliche Talent von Spaniern und Deutschen führen. Das Entscheidende ist aber, dass wir Kinder in Deutschland fußballerisch besser ausbilden müssen!

Frage: Zurück zum TuS Haltern: Gibt es ganz konkret auch 'spanische Einflüsse' in der Nachwuchsförderung beim TuS?

Metzelder: Nein! Wir stehen ganz am Anfang unserer Arbeit. Gut ausgebildete Trainer sind der erste Schritt hin zu einheitlichen Abläufen in den Teams. Im nächsten werden wir uns Gedanken machen, wie der TuS Haltern in Zukunft von den C-Junioren bis zu den Senioren spielen will. Die Viererkette ist bei fast allen Mannschaften schon jetzt gesetzt!

Frage: Beim TuS Haltern steht demnächst eine Philosophie-Frage zur Klärung an: Sollen die Trainer von Nachwuchsmannschaften strikt in ihrer jeweiligen Altersklasse verbleiben oder mit ihrer Mannschaft einige Jahre 'mitgehen'?

Metzelder: In vielen Leistungszentren ist die Rotation der Nachwuchstrainer üblich. Das setzt aber voraus, dass alle sehr gut ausgebildet sind. Für uns im Amateurverein ist zunächst einmal wichtig, dass die Kinder in den unteren Jahrgängen Spaß am Fußball haben. Das ist das oberste Prinzip, von dem wir Trainerentscheidungen in diesem Bereich abhängig machen. Für die älteren Jahrgänge versuchen wir, die bestmöglich qualifizierten Trainer für uns zu gewinnen.

Frage: Das neue Jahr hat gerade begonnen. Was wünschen Sie sich für den TuS Haltern? Welche konkreten Projekte sollen bis Ende 2010 abgeschlossen, welche Ziele erreicht sein?

Metzelder: Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Infrastruktur und der Ausrüstung sollen Ende 2011 alle Juniorentrainer im Besitz einer DFB-Lizenz sein. Allein das wäre ein toller Erfolg und hätte Vorbildcharakter. Wenn darüber hinaus die Erste und Zweite Seniorenmannschaft als ‘Speerspitzen’ des Vereins den Aufstieg in die nächsthöheren Spielklassen schaffen sollten, wäre das noch ein Motivationsschub, besonders für alle jungen Fußballer beim TuS.

Wie die Vereinsoffensive des TuS Haltern aussieht, sehen Sie hier!